„Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Das gilt auch für starke Geschäftsführer. Wirklich?
Viele mittelständische Unternehmen leben von einer Person, die viel weiß, viel entscheidet und vieles zusammenhält. Nach außen wirkt das stabil. Innen entsteht jedoch häufig eine riskante Abhängigkeit. Wenn fast jede wichtige Entscheidung über den Geschäftsführer läuft, wird Führung nicht stärker, sondern enger. In der Realität vieler mittelständischer Unternehmen mutiert er oft zum Nadelöhr. Alles landet auf seinem Schreibtisch, jede Entscheidung braucht sein finales Kopfnicken. Was sich nach Kontrolle anfühlt, ist in Wahrheit ein struktureller Engpass, der die Handlungsfähigkeit der gesamten Organisation lähmt.
Das Problem zeigt sich spätestens dann, wenn Führungspositionen schwer zu besetzen sind. Laut KOFA können sich nur 14 Prozent der Beschäftigten ohne Führungsverantwortung klar vorstellen, eine Führungsrolle zu übernehmen. Abschreckend wirken vor allem hohe Arbeitsbelastung, große Verantwortung und die Sorge um das Privatleben. Gleichzeitig nennen Führungsinteressierte mehr Gestaltungsspielraum und Entscheidungsfreiheit als zentrale Anreize.
Die Loyalitätsfalle und die falsche Abhängigkeit
In vielen Unternehmen wird Loyalität mit Zustimmung verwechselt. Gute Führungskräfte widersprechen nicht, obwohl sie Zweifel haben (Ich habe oft erlebt, dass Bereichsleiter in Meetings schweigen, nur um mir danach im Vier-Augen-Gespräch die eigentlich kritischen Punkte zu flüstern). Bereichsleiter sichern sich ab, statt eigene Entscheidungen zu treffen. Mitarbeitende warten auf ein Signal von oben. Das sieht nach Zusammenhalt aus. Tatsächlich entsteht eine Loyalitätsfalle.
Oft umgeben sich Führungskräfte mit einem „inneren Zirkel“ aus langjährigen Wegbegleitern. Hier schnappt die Loyalitätsfalle zu. Man vertraut sich, man kennt sich – doch genau das führt zu einer gefährlichen Betriebsblindheit. Kritik wird leiser, unangenehme Fakten werden weichgespült. Wie das Sprichwort sagt: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“. Nur weil ein Team loyal ist, bedeutet das nicht, dass die Prozesse tragfähig sind. Im Gegenteil: Es entstehen Abhängigkeiten, die dazu führen, dass Informationen gefiltert werden, bevor sie den Chef erreichen.
Niemand will den Geschäftsführer umgehen. Niemand will illoyal wirken. Also wandern Entscheidungen nach oben. Der Geschäftsführer wird zum Nadelöhr – nicht, weil er schwach ist, sondern weil alle gelernt haben, dass am Ende doch seine Einschätzung zählt.
Kontrollillusion: Wenn Überblick mit Steuerung verwechselt wird
Viele Geschäftsführer in KMU’s halten Kontrolle für Sicherheit. Sie wollen informiert sein, eingebunden bleiben, Risiken früh erkennen. Das ist verständlich. Aber irgendwann kippt Kontrolle in eine Illusion.
Doch wer versucht, jedes Detail zu regeln, verliert die Sicht auf das Wesentliche. Kontrolle kann eben zur Gewohnheit werden. Wie sind Sie so als Chefin? Das müssen die Geschäftsführer sich in einer ruhigen Minute selbstkritisch fragen. Wer alles wissen will, entscheidet irgendwann zu viel. Und wer zu viel entscheidet, erzeugt genau die Abhängigkeit, die er eigentlich vermeiden müsste.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Es ist Dienstagmorgen. Ihr Bereichsleiter für die Produktion hat nach langem Hin und Her mit dem Team endlich entschieden, den Workflow für die Schichtübergabe zu digitalisieren. Das Team hat sich nach Wochen endlich auf den Ablauf verständigt. Das Budget ist geklärt, die Motivation ist hoch.
Auf dem Weg zur Kaffeeküche treffen Sie als Geschäftsführer einen der älteren Vorarbeiter am Kopierer. Er lässt eine kurze Bemerkung fallen: „Ob das mit dem neuen digitalen Kram wirklich klappt? Früher mit den Zetteln war es doch irgendwie sicherer.“ Sie antworten im Vorbeigehen, eigentlich nur aus Höflichkeit: „Na ja, wir schauen uns das nochmal in Ruhe an, ob das so passt.“
Die Folge: Fünf Minuten später steht die Entscheidung des Bereichsleiters still. Der Vorarbeiter erzählt in der Pause: „Der Chef hat gesagt, wir prüfen das nochmal.“ Ab diesem Moment glaubt niemand mehr, dass die Sache wirklich beschlossen ist. Der Bereichsleiter erfährt es über den Flurfunk.
Was das GILT-Prinzip sichtbar macht
Das GILT-Prinzip hilft, diesen Engpass nüchtern zu prüfen.
Geltung fragt: Gilt eine Entscheidung auch dann, wenn der Geschäftsführer nicht daneben steht?
Instanz fragt: Wer darf wirklich entscheiden – nicht formal, sondern praktisch?
Last fragt: Wer trägt die Folgen, wenn eine Entscheidung unbequem wird?
Tragkraft fragt: Bleibt eine Entscheidung im Alltag stabil oder wird sie bei Widerstand wieder geöffnet?
Genau hier liegt der Kern. Viele Führungskräfte haben Aufgaben. Manche haben Budgets. Einige haben Titel. Aber nicht alle haben ein echtes Mandat. Dann entsteht Führung ohne Geltung. Dann sprechen wir von einer tickenden Zeitbombe.
Wie Führung wieder attraktiver wird
Führung wird attraktiver, wenn Verantwortung nicht als Zusatzlast erlebt wird, sondern als wirksamer Raum. Dazu braucht es weniger Appelle und mehr Klärung. Die Geschäftsführerin muss nicht alles loslassen. Aber sie muss entscheiden, welche Entscheidungen künftig nicht mehr bei ihr landen dürfen.
Wer als Geschäftsführer wirklich führen will, muss aufhören, der Mittelpunkt jeder operativen Bewegung zu sein. Wahre Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch maximale Präsenz, sondern durch Strukturen, die auch ohne die ständige Rückversicherung beim Chef funktionieren.
Praktisch heißt das: Für wiederkehrende Entscheidungen werden klare Mandate definiert. Bereichsleiter erhalten nicht nur Zuständigkeit, sondern Entscheidungsspielraum. Widerspruch wird nicht als Illoyalität bewertet, sondern als Teil tragfähiger Führung. Und wenn eine Führungskraft entscheidet, wird diese Entscheidung nicht beim ersten Gegenwind wieder eingesammelt.
Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Denn damit verliert die Geschäftsführerin ein Stück unmittelbare Kontrolle. Dafür gewinnt das Unternehmen etwas Wichtigeres: Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungsfreude.
Fazit
Der Geschäftsführer wird dann zum strukturellen Engpass, wenn alle Wege über ihn führen. Nicht aus böser Absicht. Oft sogar aus Verantwortungsgefühl. Aber Verantwortung, die alles an sich zieht, macht andere klein. Und sie macht Führung unattraktiv.
Wer Führungspositionen im Mittelstand wieder attraktiver machen will, muss daher nicht zuerst über Status, Titel oder Boni sprechen. Er muss klären, ob Führung überhaupt gilt. Denn Menschen übernehmen Verantwortung eher dort, wo sie auch entscheiden dürfen.
Möchten Sie mehr über das GILT-Prinzip erfahren?
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