Die Kienbaum-Studie zur digitalen Verwaltungskultur (Erfolgreiche Digitalisierung braucht begleitenden Kulturwandel) liefert ein ernüchterndes Bild. 43 Prozent der Befragten sind mit dem Digitalisierungsfortschritt ihrer Organisation eher nicht zufrieden. Nur 35 Prozent sagen, dass Leistungen online verfügbar sind. Und gerade einmal 25 Prozent berichten von einem konkreten Umsetzungsfahrplan.

Das ist kein reines Digitalisierungsproblem. Es ist ein Umsetzungsproblem. Denn die gleichen Organisationen diskutieren seit Jahren Strategien, Programme und Leitbilder. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass vieles angestoßen wird, aber wenig wirklich trägt. Ein Teilnehmer bringt es in der Studie auf den Punkt: Es werden zu viele digitale Baustellen eröffnet, ohne vorhandene sauber abzuschließen.
Genau hier beginnt die eigentliche Frage.

Führung ohne Entscheidung?

Die Studie zeigt ein interessantes Bild von Führung. Vorbildverhalten bei digitalen Themen wird von 76 Prozent als wichtig eingeschätzt, Wissensaustausch von 69 Prozent. Gleichzeitig liegt die Bereitschaft, Entscheidungen schnell zu treffen, nur bei 37 Prozent. Noch deutlicher wird die Lücke bei der tatsächlichen Ausprägung. Gerade Entscheidungstempo und klare Erwartungen gelten als schwach entwickelt.

Das ist mehr als eine Stilfrage. Führung in der Verwaltung wird als unterstützend beschrieben, aber nicht als verbindlich. Es entsteht ein System, in dem viel gesprochen, begleitet und moderiert wird – aber zu selten entschieden wird, was gilt.

Organisation mit Infrastruktur, aber ohne Richtung

Auch organisatorisch zeigt sich ein klares Muster. Technische Infrastruktur für digitales Arbeiten wird von 78 Prozent als zentral angesehen, mobile Arbeitsbedingungen von 66 Prozent. Gleichzeitig spielen Themen wie Experimentieren, Innovation oder neue Arbeitsformen eine deutlich geringere Rolle und werden kaum umgesetzt.

Die Verwaltung investiert in Arbeitsfähigkeit. Aber sie klärt zu selten, wie Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen und durchgesetzt werden. Genau das wäre jedoch entscheidend, um Digitalisierung tatsächlich wirksam zu machen.

Personal erkennt den Bedarf – setzt ihn aber nicht um

In der strategischen Personalarbeit wird der Handlungsbedarf besonders sichtbar. 71 Prozent halten Lernangebote für digitale Kompetenzen für wichtig, 58 Prozent eine systematische Analyse von Kompetenzlücken. Auch die Übertragung von Verantwortung an Mitarbeitende wird von 44 Prozent als zentral benannt.

Gleichzeitig liegt der Umsetzungsgrad dieser Themen im Durchschnitt nur bei 1,45 auf einer Skala bis 4. Das zeigt: Die Verwaltung weiß, was notwendig wäre.
Sie schafft es aber nicht, daraus verbindliche Strukturen zu machen.

Was das mit dem GILT-Prinzip zu tun hat

Die Studie spricht von Kulturwandel. Das greift zu kurz. Das eigentliche Problem liegt tiefer. Es geht um die Frage, ob Entscheidungen im Alltag tragen. Das GILT-Prinzip formuliert das nüchtern: Gilt eine Entscheidung – oder steht sie nur im Protokoll?

Die Zahlen der Studie lassen sich genau so lesen. Strategien sind vorhanden, aber nicht verbindlich umgesetzt. Führung ist präsent, aber selten entscheidungsstark. Verantwortung soll übertragen werden, bleibt aber oft folgenlos. Das deutet auf eine strukturelle Lücke hin. Mandat, Verantwortung und Folgen sind nicht sauber miteinander verbunden.

Fazit

Digitalisierung scheitert selten an fehlenden Konzepten. Sie scheitert daran, dass Entscheidungen nicht zu Ende geführt werden. Solange unklar bleibt, wer entscheidet, wer Verantwortung trägt und was danach gilt, entstehen genau die Bilder, die die Studie beschreibt. Viele Initiativen, wenig Durchsetzung. Viel Bewegung, aber begrenzte Wirkung.

Oder anders gesagt:
Die Verwaltung hat kein Erkenntnisproblem. Sie hat ein Problem mit der Geltung ihrer Entscheidungen.

Warum Digitalisierung in der Verwaltung oft scheitert – die wichtigsten Fragen

1. Warum scheitert Digitalisierung im öffentlichen Dienst so häufig?
Digitalisierung scheitert selten an Technik oder fehlenden Konzepten. In vielen Verwaltungen sind Strategien vorhanden. Was fehlt, ist Verbindlichkeit in der Umsetzung. Wenn nicht eindeutig geklärt ist, wer entscheidet und wer Verantwortung trägt, verlieren Projekte im Alltag an Wirkung.

2. Was bedeutet Entscheidungsfähigkeit in der Verwaltung konkret?
Entscheidungsfähigkeit zeigt sich nicht in der Anzahl von Abstimmungen, sondern in Klarheit. Es muss erkennbar sein, wer entscheiden darf, wer die Verantwortung übernimmt und was nach der Entscheidung gilt. Fehlt diese Klarheit, entstehen Verzögerungen und Themen kehren immer wieder auf den Tisch zurück.

3. Warum werden Strategien in Verwaltungen oft nicht umgesetzt?
Viele Strategien scheitern nicht an ihrer Qualität, sondern an ihrer Verbindlichkeit. Zuständigkeiten bleiben unklar oder werden verteilt. Entscheidungen werden vorbereitet, aber nicht getragen. Dadurch entsteht der Eindruck von Aktivität, ohne dass sich tatsächlich etwas verändert.

4. Welche Rolle spielt Führung bei der Digitalisierung?
Führung wird häufig als moderierend verstanden. In der Praxis entscheidet sie jedoch darüber, ob Digitalisierung gelingt. Führung bedeutet, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zuzuweisen und deren Umsetzung abzusichern. Ohne diese Klarheit bleibt Digitalisierung ein Projekt – aber keine Veränderung.

5.Was hat das GILT-Prinzip mit Digitalisierung zu tun?
Das GILT-Prinzip beschreibt, wann Entscheidungen wirksam werden. Es geht um Geltung, Instanz, Last und Tragkraft. In vielen Digitalisierungsprojekten fehlt genau diese Verbindung. Entscheidungen sind formal getroffen, entfalten aber keine Wirkung, weil sie nicht eindeutig zugeordnet und getragen werden.

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