Das GILT-Prinzip in der Praxis: Warum viele Entscheidungen getroffen, aber nicht getragen werden

In nahezu jeder Organisation wird entschieden. Sitzungen enden mit Beschlüssen, Führungskräfte formulieren Vorgaben und Projektgruppen erarbeiten Empfehlungen. Dennoch entsteht in vielen Verwaltungen, kommunalen Unternehmen und mittelständischen Betrieben ein merkwürdiges Phänomen: Entscheidungen sind zwar dokumentiert, ihre Wirkung bleibt jedoch begrenzt. Themen kehren immer wieder auf die Tagesordnung zurück, Zuständigkeiten verschwimmen und Führungskräfte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Zeit damit, bereits getroffene Entscheidungen erneut zu erklären oder abzusichern.

Was das GILT-Prinzip sichtbar macht

Genau an diesem Punkt setzt das GILT-Prinzip an. Es dient nicht dazu, die Qualität einer Entscheidung zu bewerten. Es prüft vielmehr ihre Tragfähigkeit. Die zentrale Frage lautet: Kann diese Entscheidung in der Realität überhaupt wirksam werden?

GILT steht für Geltung, Instanz, Last und Tragkraft. Hinter diesen vier Begriffen verbirgt sich ein einfacher Praxistest für die Handlungsfähigkeit von Organisationen.

Praxisbeispiel: Wenn Verantwortung und Entscheidungsmacht auseinanderfallen

Ein Beispiel aus dem Mittelstand verdeutlicht dies.

Ein produzierendes Unternehmen leidet unter langen Lieferzeiten und zunehmenden Kundenbeschwerden. Die Geschäftsführung beschließt deshalb, die Produktionsplanung neu zu organisieren. Die Leitung des Projekts wird an den Produktionsleiter übertragen. Nach außen wirkt die Situation zunächst eindeutig: Auftrag erteilt, Verantwortlicher benannt, Projekt gestartet.

Infografik zur Entscheidungsfähigkeit und Führung in Mittelstand und Verwaltung

Bereits wenige Wochen später geraten die Abläufe jedoch ins Stocken. Der Produktionsleiter möchte neue Prioritäten festlegen, muss diese aber mit mehreren Bereichsleitern abstimmen. Veränderungen im Schichtmodell benötigen die Zustimmung der Geschäftsführung. Investitionen in neue Software dürfen nicht eigenständig freigegeben werden. Gleichzeitig wird der Produktionsleiter für Verzögerungen und ausbleibende Ergebnisse verantwortlich gemacht.

Der GILT-Check: Vier Fragen an jede Entscheidung

An diesem Punkt beginnt die Analyse mit dem GILT-Prinzip.

Geltung: Gilt die Entscheidung wirklich?

Zunächst stellt sich die Frage nach der Geltung. Gilt die getroffene Entscheidung tatsächlich oder wird sie im Alltag immer wieder infrage gestellt? Im Beispiel zeigt sich schnell, dass zahlreiche Beteiligte die vereinbarte Neuausrichtung regelmäßig relativieren. Die Entscheidung besitzt nur eingeschränkte Verbindlichkeit.

Instanz: Wer darf tatsächlich entscheiden?

Anschließend wird die Instanz geprüft. Wer darf tatsächlich entscheiden? Auf dem Organigramm scheint die Verantwortung beim Produktionsleiter zu liegen. Praktisch verbleiben wesentliche Entscheidungsrechte jedoch bei der Geschäftsführung. Verantwortung und Entscheidungsmacht fallen auseinander.

Last: Wer trägt die Folgen?

Danach richtet sich der Blick auf die Last. Wer trägt die Folgen der Entscheidung? Auch hier wird die Schieflage sichtbar. Der Produktionsleiter wird an Ergebnissen gemessen, obwohl zentrale Einflussmöglichkeiten außerhalb seines Verantwortungsbereichs liegen. Er trägt die Last, ohne über die notwendige Instanz zu verfügen.

Tragkraft: Kann die Organisation die Entscheidung tragen?

Schließlich folgt die Frage nach der Tragkraft. Kann die Organisation die Entscheidung dauerhaft tragen? Oder entstehen Widerstände, informelle Vetorechte und neue Abstimmungsschleifen? Im Beispiel zeigt sich, dass die bestehende Führungsstruktur die gewünschte Veränderung nicht unterstützt. Die Entscheidung wurde getroffen, aber die organisatorischen Voraussetzungen für ihre Umsetzung fehlen.

Das Ergebnis der Analyse fällt eindeutig aus: Das Problem liegt nicht in der Motivation des Produktionsleiters. Es liegt auch nicht in fehlender Fachkompetenz. Die eigentliche Schwachstelle besteht darin, dass Geltung, Instanz, Last und Tragkraft nicht zusammenpassen.

Fachkräftemangel macht klare Mandate unverzichtbar

Genau diese Konstellation findet sich häufig in Organisationen, die unter Fachkräftemangel, steigender Komplexität und wachsendem Veränderungsdruck stehen. Verantwortung wird übertragen, Entscheidungsrechte bleiben jedoch an anderer Stelle. Führungskräfte sollen Ergebnisse liefern, ohne über die notwendigen Handlungsspielräume zu verfügen. Mitarbeitende erleben, dass Entscheidungen jederzeit wieder geöffnet werden können. Die Folge sind Absicherungsschleifen, sinkende Eigeninitiative und letztlich ein Verlust an Handlungsfähigkeit.

Das GILT-Prinzip macht diese Widersprüche sichtbar. Es fragt nicht zuerst nach Kultur, Motivation oder Kommunikation. Es untersucht die Statik von Entscheidungen. Denn Organisationen scheitern selten daran, dass niemand entscheiden möchte. Häufiger scheitern sie daran, dass Entscheidungen keine ausreichende Geltung besitzen, Verantwortlichkeiten unklar bleiben oder die Organisation die Folgen ihrer eigenen Beschlüsse nicht trägt.

Gerade deshalb gewinnt das Thema in Zeiten des Fachkräftemangels an Bedeutung. Wo weniger Menschen mehr Verantwortung übernehmen müssen, werden klare Mandate und tragfähige Entscheidungen zu einer Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit. Das GILT-Prinzip liefert dafür keinen theoretischen Idealzustand, sondern einen praxistauglichen Realitätscheck: Gilt die Entscheidung? Wer darf entscheiden? Wer trägt die Folgen? Und kann die Organisation die Entscheidung dauerhaft tragen?

Die Antworten auf diese vier Fragen entscheiden häufig darüber, ob eine Organisation handlungsfähig bleibt – oder ob sie sich in immer neuen Abstimmungsschleifen verliert.

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