Die Mitgliederversammlung ist in zwei Wochen. Der erste Vorsitzende hört auf, nach elf Jahren. Niemand hat sich bisher gemeldet.

Der Schriftführer fragt vorsichtig in der WhatsApp-Gruppe, ob nicht jemand Lust hätte. Schweigen. Jemand schreibt einen Daumen-hoch-Emoji, ohne dass klar ist, worauf er sich bezieht.

Das ist in vielen Vereinen inzwischen der Normalfall. Die üblichen Erklärungen dafür sind bekannt: Zeitknappheit, Haftungsängste, mehr Bürokratie als früher, ein gesellschaftlicher Wandel im Verhältnis zu ehrenamtlichem Engagement. Das alles spielt eine Rolle. Es erklärt aber nicht vollständig, warum dieselben Menschen, die keinen Vorstand übernehmen wollen, sich problemlos für ein einzelnes Projekt zwei Monate lang einsetzen. Das Sommerfest organisieren. Die Jugendmannschaft begleiten. Die Vereinszeitschrift layouten.

Sie engagieren sich also durchaus. Nur nicht in diesem einen Amt.

Was ein Vorstandsposten zusätzlich bedeutet

Wer in den Vorstand geht, übernimmt nicht nur eine Aufgabe. Er übernimmt eine Position, von der niemand genau weiß, wie weit sie tatsächlich trägt.

Der bisherige Vorsitzende hat über elf Jahre gelernt, wo die Grenzen seiner Entscheidungsbefugnis wirklich liegen – nicht laut Satzung, sondern in der Praxis. Welche Entscheidung er allein treffen kann, ohne dass am nächsten Vereinsabend jemand nachfragt. Welche er besser vorher mit den zwei oder drei einflussreichen Mitgliedern abspricht, auch wenn das formal nicht nötig wäre.

Dieses Wissen steht in keiner Satzung. Es ist über Jahre gewachsen, durch unzählige kleine Situationen, in denen sich zeigte: Diese Entscheidung trägt, jene nicht.

Ein neuer Kandidat hat von diesem Wissen nichts. Er sieht nur das Amt, die Satzung, die Verantwortung – und die Unsicherheit, wie weit das im Ernstfall tatsächlich reicht. Diese Unsicherheit kommt zu den bekannten Hürden wie Zeitaufwand und Haftung noch dazu. Sie macht das Amt zusätzlich unattraktiv, neben allem anderen, was ohnehin schon dagegen spricht.

Warum damit noch nicht alles erklärt ist

Niemand muss bestreiten, dass Vereinsarbeit heute mehr Bürokratie und mehr Haftungsrisiken mit sich bringt als früher. Aber selbst wenn diese äußeren Hürden kleiner würden, bliebe ein Problem bestehen, das viele Vereine selbst erzeugen: ein Amt, dessen tatsächliche Reichweite niemand kennt, außer der Person, die es bisher ausgefüllt hat.

Das lässt sich nicht durch einen motivierenden Aufruf in der Mitgliederversammlung lösen. „Wir brauchen dringend jemanden, der sich engagiert“ ändert nichts an der eigentlichen Frage: Was genau darf diese Person entscheiden – und gilt das auch dann, wenn es jemandem im Verein nicht gefällt?

Was Vereine daraus machen können

Viele Vereine suchen einen Nachfolger, ohne vorher die unsichtbaren Regeln offenzulegen, die das Amt überhaupt erst schwer übernehmbar machen.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass niemand Verantwortung übernehmen will. Vielleicht ist oft nur unklar, welche Verantwortung jemand tatsächlich übernehmen würde.

Was gilt hier eigentlich – und für wen?

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